Vorarlberger Nachrichten

Ganz viele Lichtblicke

Von Christa Dietrich

 

Juliane Gruner und Günter Rainer in „Die Stühle“ beim Ensemble Unpop. 
 

„Die Stühle“ von Eugène Ionesco als exzellent plastische Klassikerpflege.

DORNBIRN Die Lichtchen sind in noch größerer Zahl vorhanden als die herbeigeschafften Sitzmöbel und das gilt auch für die Lichtblicke in der Inszenierung von Ionescos „Die Stühle“, einem Klassiker des modernen Theaters, der auch in optischer Brillanz auf der Hinterbühne des Dornbirner Kulturhauses gelandet ist. Dort, wo sich das Ensemble Unpop vor zwei Jahren eingenistet hat. Der eigentlichen Ausrichtung, nämlich der Umsetzung von neuen Texten, mit der Wahl des 1952 uraufgeführten Stückes einmal nicht entsprochen zu haben, ist in mehrfacher Hinsicht plausibel. Der Ort hinter einem Wassergraben, an dem ein greises Paar vereinsamt, hat etwas beunruhigend Heutiges, die Plastizität der Abwesenheit, die Stephan Kasimir in der Regie und Caro Stark in der Ausstattung zum Ausdruck bringen, ist so aktuell wie zeitlos und wirkt als Bild wie auch in den Bewegungen der Protagonisten, die die Regie zwar anheizt, aber nicht ins Groteske führt, das man gelegentlich bei Ionesco-Inszenierungen sieht, in denen mitunter die auch hier verwendeten schwebenden Stühle auftauchen.

Betörend

Juliane Gruner gibt die Semiramis mit skurril krächzender Stimme und einem Schalk, den nur solche Kaliber derart sachte dosieren können, dass die Atmosphäre nicht kippt, die Günter Rainer als Poppet wunderbar zwischen Resignation und Aktion in Schwebe hält. Man schenkt einander nichts bei der verbrämten Aufzählung von womöglich Versäumtem, während eine Abendgesellschaft erwartet wird. Sie bleibt aus wie die Botschaft des Redners, die Wolfgang Pevestorf betörend im Hals stecken bleibt, weil es sie nicht geben kann. Jubel für ein Projekt, das auch bestens für Schulklassen geeignet ist.

NEUE

KRONE

Kulturzeitschrift

Eine Lanze für das Absurde – bricht das Theater UNPOP in Dornbirn

Die vierte Produktion des jungen Ensembles für unpopuläre Freizeitgestaltung feierte gestern seine Premiere auf der Bühne des Dornbirner Kulturhauses. Die Theaterleiter Caro Stark und Stephan Kasimir haben sich nach 3 zeitgenössischen Stücken diesmal für einen Klassiker entschieden. Das Stück „Die Stühle“ gehört zu den vielgespielten Stücken des französisch-rumänischen Dramatikers Eugène Ionesco, der als einer der wichtigsten Vertreter des absurden Theaters gilt.

Traurig und witzig

„Die Stühle“ sind weder eine Tragödie noch eine Komödie, und doch ist das Stück stellenweise zum Totlachen und dann wieder tieftraurig. Ein Theaterabend also, der berührt, und dies ist nicht nur dem großartigen Text geschuldet, sondern insbesondere den Schauspielern und der so einfachen aber gleichzeitig hocheffizienten Regie von Stephan Kasimir. Er setzt einerseits auf die Kraft von Juliane Gruner und Günter Rainer, Urgesteine des österreichischen Theaters, andererseits weiß er genau, wo Nuancen zu setzen sind.

Bühnenbild mit Wow-Effekt

Wunderschön sind die Bilder, die Caro Stark mit ihrem beeindruckenden Bühnenbild und Jan Wielander mit seinem einfühlsamen Lichtdesign zaubern. Das Wasser, die mit 1000 Lichtern bestückten Wände, die Schatten und die Stühle, dies alles wird zur wohldurchdachten Kulisse des Spiels der beiden Alten, die sich in einem immer schneller drehenden Karussell dem Ende ihres Lebens zubewegen.

Tolle Schauspieler

Juliane Gruner, schon öfters im Theater Kosmos zu erleben, ist herrlich trocken, komisch, vermag Welten zu öffnen mit ihrer Mimik, mit ihrem Spiel, mit kreischender, piepsender oder gesetzter Stimme erzeugt sie ein Feuerwerk der Emotionen. Günter Rainer überzeugt mit starker Präsenz als der Alte, der mal leise, mal sehr laut daherkommt, bisweilen sehr weich und verletzlich und dann wieder wie eine Lawine donnernd. 
Wolfgang Pevestorf erscheint am Schluss des Stückes als der Redner, auf den alle so lange gewartet haben und der endlich für den Alten vorsprechen und die große Botschaft verkünden soll. Doch nichts weiter als Gestammel kommt aus ihm heraus und Pevestorf macht das so authentisch, dass man ihn schütteln und rütteln möchte. 
UNPOP ist es gelungen, einen Theaterabend zu erarbeiten, der fasziniert, auch verstört, der berührt und verzaubert, sinnlich aber auch handfest ist.